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Liebe Leute,
nachdem das WGT 2026 nun wieder zwei Wochen her ist, will ich für Euch einen kleinen Nachbericht schreiben. Eine sehr subjektive Beschreibung dessen, wie ich das Wave-Gotik-Treffen und die Blauen Stunden erlebt habe.
Donnerstag:
Am Donnerstag gegen 17 Uhr kamen wir auf der von uns vorher gemähten Wiese im Park an. Während wir bei den früheren Eröffnungstanznächten immer ein großes Auto brauchten, um das Equipment zu transportieren, reicht seit letztem Jahr - dank der modernen und kompakten Technik - ein Fahrradanhänger dafür. Dass das Thema "moderne Technik" auch Probleme mit sich bringen kann, dazu später.
In aller Ruhe, ohne Stress bauten wir den diesmal etwas kleineren Fackelkreis auf, installierten die Bluetooth-Lautsprecher nebst Bluetooth-Sendern in ca. 2 Metern Höhe, hingen die Sichtachse vom ehemaligen Parkplatz mit Planen zu, stellten den Feuerkorb auf, holten Feuerholz, hingen die Hängelichter an den Baum, auch entlang des Weges und stellten hundert Grablichter auf die Aufstiegstreppe. Vielen Dank allen Helfern an dieser Stelle!
Das Wetter in dieser Nacht hätte perfekter nicht sein können, es war windstill, nicht allzu kalt, der Sternenhimmel war zu sehen und der Mond gesellte sich zu uns. Mit Einzug der Dämmerung füllte sich die kleine Lichtung, Ihr machtet es Euch im Gras bequem und die Lichter kamen mehr und mehr zur Geltung.
Die ersten zwei Stunden bevor die Musik schneller und vom allgemeinen Verständnis her tanzbarer wurde, brachten Momente, die für mich der Inbegriff von Dunkelromantik waren. Im Zwielicht zwischen Tag und Nacht hörten wir Titel von Ashram, Jännerwein, Current 93, In Gowan Ring, Apocalyptica, Backworld, Sieben, Irfan, Brendan Perry, um nur einige zu nennen. Mein persönlicher Favorit war "Juno Reactor - Angels and Men" (https://www.youtube.com/watch?v=mAHC-upy1NE). Dieses besondere Stück lief genau zur richtigen Zeit und entfaltete eine entrückte Stimmung, die man nicht beschreiben kann, sondern erlebt haben muss.
(Die nun folgende Musik habe ich dieses Jahr gemeinsam mit Scarlet Carsen zusammengestellt.)
Mit zunehmender Dunkelheit wurde die Wiese voller und voller, die roten Lichter um den Kreis zahlreicher und die Musik schneller. Nun war der Tanzkreis in seiner ganzen Ausdehnung auch gut gefüllt, der Sound aus vier Lautsprechern war sehr gut und es hätte die ganze Nacht so weitergehen können... Ging es aber diesmal leider nicht. Erstmalig in all den Jahren von Blaue Stunde Veranstaltungen gab es den Supergau, dass mitten im schönsten Tanz einfach die Musik ausfiel! Wochenlange Vorbereitung, alles bis ins Detail geplant und dann das!
Der Schreck war groß, was war passiert? Kürzlich erst hatte ich neue Technik gekauft, eine transportable Stromversorgung, ein kleiner Würfel mit 230 Volt Ausgang für den Laptop. Bei der letzten Blauen Stunde im Frühjahr erst erfolgreich getestet, ist sie diesmal einfach ausgefallen. Beim Anleuchten im Gebüsch war die Ursache auch gleich offensichtlich: Die Box war über und über voll mit wimmelnden Ameisen, so als sei die Box ihre Wohnung. Durch die Lüftungsschlitze sind die Ameisen ins Innere gelangt und eine von ihnen, die jetzt nicht mehr unter uns weilt, hat den entscheidenden Kurzschluss verursacht. Da aber nur die Sicherheitsabschaltung aktiviert wurde und der Kurzschluss nicht dauerhaft war, konnte ich alles neustarten... bis zum nächsten Ausfall und zum nächsten. Das war schon frustrierend, doch habe ich bei allem eine erstaunliche innere Ruhe bewahrt nach dem Motto: Schlimmer kann es nicht kommen - da kann ich innerlich auch loslassen.
Irgendwann ging es dann erstaunlicherweise wieder gut für eine längere Zeit, bis schließlich, zwei Stunden zu früh, die Akkus der Lautsprecher leer waren. Das war auch noch nie vorher passiert. Mit einem Mal war die Stille von Dauer, die frühen Vögel in den Bäumen waren zu hören, die Lichter brannten weiter. Alle Gäste, die noch da waren, sind erst einmal geblieben. Irgendwie hatte diese Stille auch etwas besonderes, während einer Tanznacht so noch nie dagewesenes. Eine spezielle, wenn auch unfreiwillige Erfahrung.
Als es dann zwei Stunden später in den Morgenstunden dämmerte, waren immer noch genügend helfende Hände da, die Lichter einzusammeln, die Hängelichter vom Baum abzunehmen, usw. und beim Packen des Fahrradanhängers zu helfen. An dieser Stelle nochmal ein herzliches Dankeschön an alle und speziell an Björn, der mich noch bis ins nahegelegene Lager begleitet und beim Ausladen geholfen hat!
Freitag:
Am Freitag hatte ich quasi "frei", der einzige WGT-Tag ohne eigene Veranstaltung. Der Nachmittag fing gut an, beim Bändchenholen im Penta Hotel traf ich Peter Bjärgö von Arcana, der mit seiner Band gerade zum Soundcheck unterwegs war und mich zum Auftritt in den Volkspalast einlud.
Vorher bin ich noch beim Viktorianischen Picknick gewesen. Ein lustiges und sehenswertes Kostümfest für alle (das habe ich so vorher noch nie geschrieben, aber ich skizziere eine unaufhaltsame Entwicklung), das mit seiner lockeren und entspannten Atmosphäre in den sehr vollen Clara-Zetkin-Park einlädt und zunehmend parallel zum Wave-Gotik-Treffen stattfindet. Wenn man irgendwo auf der Welt ein friedliches und harmonisches Miteinander allerunterschiedlichster Menschen sucht, vom normalsten Normalo bis zum schrägsten Freak jeglicher Coleur, hier wird man fündig. Ich meine das nicht ironisch, sondern sehe die positive Seite!
Am Abend führte mich mein Weg dann in die AGRA-Halle zu Kim Wilde. In den 80ern hatte ich ein großes Foto von ihr an meiner Wand hängen, war Fan ihrer Musik, die ich vom Westradio auf Kassette aufgenommen hatte. Nun, 40 Jahre später, in der dritten Reihe vor einer Bühne zu stehen, auf der sie auftritt, war schon ein besonderer Moment, der mich zu Tränen rührte. Es spannte sich ein unsichtbarer Bogen in meine Jugendzeit: Wo sind all die Jahre hin?
Später blieb ich noch, weil ich einmal da war, zu Einstürzende Neubauten und Anja Huwe, die mich aber nicht überzeugen konnten. Vor Jahrzehnten noch sehr wahrscheinlich möglich, bin ich an die beiden Acts innerlich leider nicht herangekommen.
Bands können im Laufe ihrer Geschichte reifen wie guter Wein, aber anderer Wein kann auch kippen mit der Zeit.
Den Rest der Nacht verbrachte ich dann im Parkschloss beim Dunkelromantischen Tanz der Kreuzmühle, was eine gute Wahl war.
Samstag:
Der Samstag mit unserem Abendlichen Picknick ist ja, in der Mitte des WGT gelegen, der Dreh- und Angelpunkt, der Ruhepol im Auge des Sturmes, wenn man so will. Mit zwischen 25 und 50 Leuten saßen wir auf der Wiese vom Donnerstag und ließen es uns gutgehen. Endlich genug Zeit, sich wirklich in Ruhe und ohne Ablenkungen zu unterhalten. Die offizielle Picknickzeit war von 16 bis 21 Uhr angegeben, wobei es nicht richtig gewesen wäre, alles bereits um 21 Uhr wieder einzupacken, war das Treffen zu dieser Zeit doch noch in vollem Gange. Wiederum wollte ich 21.15 Uhr zum Konzert von The Revolutionary Army Of The Infant Jesus ins Parkschloss. Kurz entschlossen habe ich Bescheid gesagt, dass ich jetzt erstmal rüberfahre und nach dem Konzert wieder da bin und das war die richtige Entscheidung.
Das Konzert wiederum war mein absoluter Favorit dieses WGT, 10 von 10 Punkten. Wobei ich sagen muss, dass ich auch ziemlich weit vorn stand, was für relativ ruhige Musik mit Atmosphäre durchaus entscheidend sein kann. Andere, die weiter hinten standen, bemängelten eine schlechte Akustik, was ich wiederum nicht so empfunden habe.
In einem Akt von Kopflosigkeit vergaß ich später nach dem Zusammenpacken der Picknicksachen im Dunkeln noch meinen Rucksack auf der Wiese, inklusive Ausweise, etc. Meine Überraschung war groß, als es dann am nächsten Morgen hieß, die Polizei hätte meinen Rucksack zu Hause abgegeben...
Das zeigte mir einerseits, wie ein WGT auch eine gewisse Zerstreuung bei mir begünstigt, andererseits zeigte es mir aber auch, dass inmitten von Trubel und gedanklicher Desintegration auch immer eine schützende Hand über mir ist, die die Dinge dann wieder in ihre natürliche Ordnung zurückbringt, worauf ich mich dann auch verlassen kann.
Die Nacht endete für mich in der Moritzbastei, was genau richtig war, wenn man Leute treffen und sich ausgiebig unterhalten will.
Sonntag:
Den ganzen Sonntag Nachmittag verbrachte ich nicht etwa im Heidnischen Dorf, wo ich sonst an diesem WGT-Tag immer war, sondern am Rechner, um noch weitere Musik zum Auflegen für den Dunkelromantischen Tanz (ein Epic-Wave-Romantik-Ball!) im Parkschloss herauszusuchen.
Das Set sollte abwechslungsreich sein, zwischen sanfter und härter wechseln, dabei immer dunkelromantisch bleiben und einige Überraschungen bereithalten. Ohne dass wir uns bis ins Detail abgesprochen hätten, hatte Reiner ähnliche Gedanken, so dass wir gut harmonierten und uns musikalisch beim Auflegen ergänzten.
Auf neue Pfade begab ich mich mit den Titeln "Avenxir, Chilx, Rubikdice & Filip Lackovic - SLAVA BLOOD! [Brazilian Phonk]"
(https://www.youtube.com/watch?v=8PqLGOLeFoM) und
Le Castle Vania - John Wick Mode
(https://www.youtube.com/watch?v=4o2EU5VOzLQ).
Dunkelromantische Musik darf ab und zu, wenn der Spirit stimmt, auch etwas "Rums" haben, oder "Plauz", wie wir in Sachsen sagen. :)
Eine extra Herausforderung brachte das Auflegen für mich dann noch mit sich. Mein DJ-Programm hatte sich dazu entschlossen, Spielchen mit mir zu spielen, indem es jeden Titel, den ich dem Programm hinzufügte, beliebig umbenannte, so dass ich zum Schluss keinen Überblick mehr hatte, welcher Titel welcher war. Nicht einmal die Spieldauer der Titel hat es mir gelassen, sondern kurzerhand mit geändert.
Einen Titel in der Liste hat es dann gleich mal gar nicht abgespielt, dafür aber den übernächsten.
Dass mein Teil des Sets dann im Laufe der Nacht doch noch ohne weitere Zwischenfälle gut funktionierte, war wieder ein kleines Wunder. Wo die eigene Macht aufhört, fängt die Macht des Höheren an...
Montag:
Die Romantische Tanznacht zum Montag war wieder ein gelungener Abschluss. Unzählige Kerzen brannten, und tauchten die Waldlichtung in ein mystisches Licht. Es werden wohl um die 300 gewesen sein, ein Dank an alle Aufstell- und Anzündhelfer!
Das Wetter hat super gehalten, es war nicht zu kalt. Nach Einbruch der Nacht füllte sich das Areal mit vielen kleineren und größeren Sitzgruppen. Untermalt mit Musik von DJ Bleakphil (Slow Club/Freiburg) entfaltete sich wieder eine besondere Sphäre.
Ein Gedanke, der mir immer wieder kommt, ist dieser: Die Romantiker von vor 200 Jahren hätten sich bei uns mit Sicherheit wohlgefühlt!
Hier noch ein Hinweis für alle, die in Zukunft um eines unserer Feuer sitzen oder stehen: Gerne könnt und sollt Ihr Feuerholz nachlegen, das im Hintergrund dafür bereitliegt. Schaut Euch um! Helle Flammen unterstützen die Atmosphäre noch einmal auf besondere Weise, bringen flackerndes Licht und Wärme...
Sehr schön und passend zum Abschluss war demnach auch das Feuerspiel auf der zentralen Wiese. Zur Eröffnung am Donnerstag war dafür wie immer kein Raum (im direkten und im übertragenen Sinne), umso schöner heute am Montag.
Das Aufräumen: Gegen Ende der Nacht, wenn es schon wieder anfängt zu dämmern, ist eigentlich immer der richtige Moment, die übrigen Gäste zu fragen, ob sie z.Bsp. beim Löschen und Einsammeln der Grabkerzen behilflich sein können. Oft hatte das gut geklappt, dieses Mal gelang das in den Morgenstunden nur teilweise. Viel eher als sonst waren alle Gäste weg, so dass ich dann gegen 10 Uhr immer noch am Einsammeln war. Im richtigen Moment kam dann schließlich noch ein Helfer, der traditionsgemäß immer unsere Pfandflaschen bekommt und mich beim Transport der Technik ins Auto unterstützen konnte.
Speziell ihm ist dann ein Phänomen aufgefallen, dass ich interessant finde: Während in allen Jahren zuvor der Großteil vom Altglas aus leeren Weinflaschen bestand, hatte sich das Verhältnis in diesem Jahr komplett umgedreht zugunsten von Bierflaschen. Das gotische Trinkverhalten ändert sich also gerade. :)
Glücklich, aber ziemlich erschöpft fiel ich dann am Dienstag Mittag nach ca. 22 Stunden Aufbau - Veranstaltung - Abbau & Aufräumen ins Bett.
Wenn Ihr mich jetzt fragt, wie ich so ein Pensum, WGT inkl. 4 Tage eigene Veranstaltungen gut durchziehen kann, hier ist mein "Geheimrezept":
Jeden Morgen habe ich eine mittlere Dose voll mit Brennnesselspitzen (die oberen 5 cm) gesammelt, diese mit etwas Wasser im Mixer zu einem flüssigen grünen Getränk verarbeitet und direkt 1 bis 2 Tassen davon getrunken. Das gibt viel zusätzliche Energie über den ganzen Tag, anders als mit Kaffee etc. wo nur die vorhandene Energie kurzzeitig umverteilt wird.
Alles in allem war es wieder ein sehr schönes und erlebnisreiches WGT, es hat mir Freude gemacht, Euch alle zu sehen und zu treffen.
In diesem Sinne, verabschiede ich mich - hoffentlich nicht erst wieder bis zum nächsten Jahr!
Einen schönen Sommer wünsche ich und
vielleicht sehen wir uns ja beim REFUGIUM?
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